Zum Berliner-Zeitung Artikel vom 23.11.2004


In dem Berliner-Zeitung Artikel Nudeln im Bauch von Julia Haak vom 23.11.2004 äussert ein anonymer Ermittler Zweifel am Befund der Gerichtsmediziner: "Vermutlich haben sich die Gerichtsmediziner einfach beim Todeszeitpunkt geirrt und Boris hat fünf kalte Tage und Nächte lang wie unter Kühlhausbedingungen an dem Baum gehangen. Bei niedrigen Temperaturen fliegen ja auch keine Fliegen, können also keine Eier ablegen, und damit ist es logisch, dass die Mediziner keine Maden finden konnten."

Obwohl es an phantasievollen Erklärungen seit 1998 nicht mangelte, ist die obige Idee doch neu. Die Gerichtsmediziner hatten natürlich Klimadaten zur Todeszeitbestimmung hinzugezogen. Das ist in den Auszügen der Gutachten bei Tronland auch erwähnt. Die genauen Stellen hielten wir aber nicht für nötig zu zitieren. Das hat sich nun geändert.

Aus dem Gutachten vom 7.4.99:
"Ein wichtiger Faktor für Fäulnisveränderungen, die ihrer Natur nach sämtlich chemische Reaktionen sind, ist die Umgebungstemperatur. Der Oktober 1998 hatte vergleichsweise milde Tage. Das wahre Temperaturmittel im Süden Berlins am 17.10. betrug 15,2C. Am 18.10. bis 21.10 lagen die Temperaturen im Durchschnitt zwischen 5,1C und 8,7C. Am 22.10.98 (Auffindetag) lag die Durchschnittstemperatur wieder bei 13,6C. Die Tageshöchsttemperatur am 22.10.98 betrug 16,9C."

Man sollte bedenken dass die Werte von 5,1 und 8,7C Mittelwerte zwischen Tageshöchst- und Nachttiefsttemperaturen sind. Bei Tageswerten um 10 fliegen die Fliegen noch. Noch deutlicher werden die Temperatureffekte im Leichnam, wo sich die Veränderungen während der Tages-Warmzeit aufaddieren. Wie von den Gerichtsmedizinern im Gutachten vom 28.1.00 ausdrücklich erwähnt, ist "2-4C die übliche Kühlkammertemperatur in Leichenhallen". Die wurde also für die meiste Zeit deutlich überschritten.

Die Autolyse ist die (Selbst-) Auflösung der Zellen und stellt eine Vorform der Verwesung dar. Über diesen frühsten Grad der Zersetzung schreiben sie im Gutachten vom 7.4.99:

"Die feingewebliche (histologische) Untersuchung der inneren Organe sowie verschiedener Hautstellen der Leiche des Boris F--- zeigte keine wesentlichen Autolysezeichen (Bl. 34-36 d.A.). Selbst die ausgesprochen rasch der Fäulnis anheim fallende Bauchspeicheldrüse (Pankreas) zeigte nur die üblichen beginnenden Autolysezeichen (Punkt 5., Bl. 35 d.A.)."

Ein anonymer Mediziner meinte dazu die Leiche müsse unbedingt schon vor dem Abend des 17.10. gekühlt worden sein und hatte vom frühen Morgen des 22. bis zum Auffinden am Nachmittag nicht mehr genug Zeit sich zu erwärmen. Unsere Gerichtsmediziner schrieben, dass bei fachgerechter (2-4C) Kühlung über ein paar Tage nur "Eintrocknungserscheinungen" verbleiben. Und die waren bei Boris Leiche sichtbar. Nach dem Obduktionsbericht an den Lippen, am Hodensack und am rechten Arm.

Boris Vater lies vor der Beerdigung eine weitere Untersuchung von einem führenden Gerichtsmediziner in Zagreb (Kroatien) machen. Als dieser Experte die Fotos von der Polizei und der Gerichtsmedizin sah, meinte er spontan die Leiche müsse aufgrund der Eintrocknungen mehrere Tage alt gewesen sein.

Die Berliner Gerichtsmediziner haben bei der Untersuchung der Leiche sofort auf Totenflecken, Totenstarre und Autolysezeichen geachtet um den Todeszeitpunkt zu bestimmen. Die Eintrocknungen haben sie registriert, aber ignoriert. Sie sind normalerweise kein Merkmal zur Todeszeitbestimmung. Sie treten auch auf etwa wenn ein Leichnam nahe einem warmen Abluftschacht hängt. Das war bei Boris nicht der Fall, im Umkreis von 100 m gab es keine Warmluftquelle. Da die Gerichtsmediziner nie am Fundort waren haben sie sich dazu auch nicht geäussert.

Bisher nicht erwähnt wurde, dass der Fundort das Spielgebiet eines nahen Jugendclubs ist. Einer von dort hat ihn auch gefunden und die Polizei gerufen. Nach Aussagen in der Ermittlungsakte haben in den Tagen zuvor die Kinder in dieser Ecke des Parks gespielt und nichts gesehen. Wahrscheinlich wurde die Leiche erst in der Nacht zum Auffindetag hingehängt, eine Nacht in der es sehr intensiv regnete.

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